{"id":55,"date":"2020-04-15T11:17:08","date_gmt":"2020-04-15T09:17:08","guid":{"rendered":"https:\/\/lit.erizoman.ch\/?p=55"},"modified":"2020-10-26T16:13:15","modified_gmt":"2020-10-26T15:13:15","slug":"teil-12-zivilisierter-kannibalismus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/lit.erizoman.ch\/?p=55","title":{"rendered":"teil 12: Zivilisierter Kannibalismus"},"content":{"rendered":"<p>Als er in die wie immer k\u00fchle, firmeneigene Kantine trat, sassen bereits alle Arbeitskollegen und Kolleginnen an den Tischen. Das ganze Team, knapp 30 Personen. De Invito setzte sich an den freien Platz zwischen zwei Kollegen und liess seinen Blick in die Runde schweifen. Irgendetwas fiel ihm auf, er wusste nicht was. Unmittelbar nachdem der Gesch\u00e4ftsleiter mit seinen Erl\u00e4uterungen zum Strategieprozess begonnen hatte, bemerkte De Invito, dass jemand fehlte. Es war B. von der Logistik-Abteilung. De Invito ass \u00f6fter mit ihm zusammen Mittag und kannte ihn gut. An der Wand leuchtete jetzt ein Organigramm auf. Einen Moment lang war nur das leise Rauschen der Beamer-K\u00fchlung zu h\u00f6ren. \u201eHier sehen sie die vom Verwaltungsrat festgesetzte neue Strukturierung unserer Firma.\u201c f\u00fchrte der Gesch\u00e4ftsleiter mit angestrengter Stimme aus. \u201eWie hier links aufgezeichnet, wird die Abteilung Kommunikation aufgel\u00f6st und dem Marketing angegliedert.\u201c De Invito blieb gefasst. Er arbeitete zwar selber in der Kommunikationsabteilung, aber dieser Schritt war ihm schon vor einigen Wochen er\u00f6ffnet worden und er hatte bereits Zeit gehabt abzuw\u00e4gen, was das f\u00fcr ihn bedeutete. Es w\u00fcrde ihn auch weiterhin noch geben, auch im projizierten Organigramm war sein Name als kleines, rechteckiges K\u00e4stchen unter dem \u00dcberbegriff Marketing verzeichnet, wie es sich geh\u00f6rte. \u201eNun zur Abteilung Logistik. Die Abteilung hat, wie sie vielleicht wissen, schon seit l\u00e4ngerem \u00dcberkapazit\u00e4ten und dieses Jahr bis dato insgesamt 400 Stunden Minuszeit. Wir haben zwar nach anderen L\u00f6sungen gesucht, aber kein Unternehmen kann es sich leisten, in so einer Situation nicht zu reagieren. Daher haben wir Herrn B. und Frau S. gek\u00fcndigt.\u201c Nur der Beamer rauschte in das Schweigen, das folgte. De Invito schaute nochmals in die Runde. Ja tats\u00e4chlich, B. war nicht da und S. konnte er auch nirgends entdecken. War ja auch verst\u00e4ndlich, wer wollte sich bei einer solchen Schmach noch den Blicken der Kollegen aussetzen. Und dann noch der \u00dcberraschungsschock, selbst er war ja geschockt, wie musste es da wohl den anderen beiden ergangen sein, als sie am Morgen vor die Gesch\u00e4ftsleitung zitiert worden waren? Das durfte doch einfach nicht war sein. Das Firmenergebnis stand zwar noch nicht endg\u00fcltig fest, aber jeder wusste, dass sie einen guten Abschluss erzielt hatten, ja so gut wie noch nie in den letzten Jahren. Also war jetzt bestimmt nicht der Zeitpunkt, um Leute zu entlassen. Ausserdem \u2013 400 Minusstunden. Er rechnete. Wenn man es auf die sechs Mitarbeitenden der Logistik verteilte, war das kaum nennenswert. Und hatte die Lager-Logistik nicht jedes Jahr im Sommer Minuszeiten, die dann im Winter wieder aufgeholt wurden? Damit konnten sie doch niemals das Wegstreichen von zwei Stellen begr\u00fcnden. Irgendetwas war an der Sache faul. Und wo blieb eigentlich der Verwaltungsrat, der ihnen die ganze Sache eingebrockt hatte? Im Hintergrund h\u00f6rte er Stimmengemurmel und kurz realisierte De Invito, dass der Gesch\u00e4ftsleiter seine Ausf\u00fchrungen fortgesetzt hatte. Ihm war jetzt wirklich kalt und er zitterte leicht. Sein Magen hatte sich abgekapselt und zu einem Klumpen verkrampft. Er zwang sich ruhig zu bleiben und schaute wieder nach vorne zum Gesch\u00e4ftsleiter. \u201eDas Marketing wird im Rahmen unserer Vorw\u00e4rtsstrategie stark ausgebaut. Die Zahl der Inland- und Auslandkunden soll markant erh\u00f6ht werden. Daher werden wir im Marketing drei neue Stellen schaffen, eine im Export, zwei f\u00fcr den Inlandmarkt. Gibt es dazu noch Fragen?\u201c Vom Einkauf meldete sich jemand zu Wort. In der Einkaufsabteilung seien sie schon lange mit Arbeit vollkommen \u00fcberlastet. Mit der neuen Nachfrage, die aus dem Marketing mittelfristig auf sie zukommen werde, werde das ja noch schlimmer. Auch die Logistik brauche doch dann wieder mehr Leute, da ja bald gr\u00f6ssere Warenmengen umgeschlagen werden m\u00fcssten. Eine weitere Stimme erkundigte sich, wer f\u00fcr Personalfragen zust\u00e4ndig sei, es sei doch einmal eine Ombudsperson f\u00fcr das Personal versprochen worden. Bei dieser Frage erstarrte der Gesch\u00e4ftsleiter etliche Sekunden. Daran k\u00f6nne er sich nicht erinnern, er sei selbstverst\u00e4ndlich der Personalverantwortliche, zw\u00e4ngte er dann hervor. Wieder entstand eine Leere, weiter geschah aber nichts. Der Gesch\u00e4ftsleiter bekam sich wieder in den Griff. Mit zwar angespannter Stimme aber ge\u00fcbten Floskeln beendete er den Informationsanlass. \u201eDann darf ich jetzt allen zum Mittagessen guten Appetit w\u00fcnschen, es gibt Fleisch vom Grill und diverse Salate.\u201c De Invito stand zittrig auf und steuerte fahrig auf den Ausgang zu. Was zu viel war, war zu viel. Er dachte an Kannibalismus und Menschenfleisch.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Als er in die wie immer k\u00fchle, firmeneigene Kantine trat, sassen bereits alle Arbeitskollegen und Kolleginnen an den Tischen. Das ganze Team, knapp 30 Personen. De Invito setzte sich an den freien Platz zwischen zwei Kollegen und liess seinen Blick in die Runde schweifen. Irgendetwas fiel ihm auf, er wusste nicht was. 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