{"id":53,"date":"2020-04-15T11:16:26","date_gmt":"2020-04-15T09:16:26","guid":{"rendered":"https:\/\/lit.erizoman.ch\/?p=53"},"modified":"2020-04-16T16:43:58","modified_gmt":"2020-04-16T14:43:58","slug":"teil-10-der-rochenstachel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/lit.erizoman.ch\/?p=53","title":{"rendered":"teil 10: der rochenstachel"},"content":{"rendered":"<p>die welt war ihm vertraut. gleich nach der geburt hatte sie ihn an ihren k\u00f6rper genommen. sie hatte ihn immer herumgetragen oder bei sich gehabt, bis er genug davon hatte und manchmal wegkrabbelte. auf seinen kleinen erkundungstouren wusste er immer wo sie war und sie war auch tats\u00e4chlich immer dort, wo er sie vermutet hatte. in seinem innersten h\u00f6rte er noch heute ihren gesang und ihre stimme. spasseshalber hatte sie ihn damals immer \u201cmein kleines \u00e4ffchen\u201d genannt. das war in keiner weise abwertend gemeint. w\u00e4hrend einer zweij\u00e4hrigen reise nach nordindien hatte sie l\u00e4ngere zeit hanuman-affen beobachtet. sie hatte festgestellt, dass diese dort teilweise als g\u00f6tter verehrt wurden. als zum beispiel einmal eine gruppe dieser presbytis-affen ein feld pl\u00fcnderten, hatte sie gesehen, wie es von den dorfbewohnern geduldet wurde.<br>als er das dritte altersjahr vollendet hatte, brachte ihn die magierin nach gudaut\u2019a an der schwarzmeer-k\u00fcste zu einer pflegefamilie. dort nannten die leute ihn telegonos, weil er weit ab im wald des kaukasusgebirge zur welt gekommen war.<br>sein pflegevater war fast immer im betrieb oder auf reisen, da er eine leitende stellung in einer grossen handelsfirma einnahm.<br>eines tages, er war dreizehn jahre alt, ruderte er mit zwei seiner schulfreunde der k\u00fcste entlang, um rochen zu jagen. tats\u00e4chlich entdeckten sie nach l\u00e4ngerem suchen in der n\u00e4he eines riffs, im warmen sandigen gew\u00e4sser einen stechrochen. telegonos holte aus, stiess die fischerlanze ins wasser und bohrte sie dem rochen zwischen die augen. mit der lanze hob er das tier aus dem meerwasser. es zappelte wild mit seinen fl\u00fcgelflossen, der meterlange schwanz peitschte in alle richtungen und streifte ihn am oberschenkel. dabei riss ihm der giftstachel des tieres eine wunde ins fleisch. telegonos harrte aus, schlug dann das langsam ersch\u00f6pfte tier mehrmals an die bootswand, bis sein freund dem rochen mit einem langen messer den rest gab. sie hieften den rochen vorsichtig an bord. endlich schafften sie es sich der vier giftstacheln des tieres zu bem\u00e4chtigen. aus den stacheln wollten sie sich dolche machen.<br>die wunde an telegonos\u2019 oberschenkel heilte monatelang nicht richtig aus wegen des giftes. er verband sie sich selbst. den rochendolch trug er fortan immer mit sich herum. mit siebzehn jahren verliess er kolchis und ging als lehrling eines syrischen h\u00e4ndlers mit diesem nach aleppo. hier blieb er drei jahre, lernte die probleme und vorz\u00fcge des handels kennen, lernte arabisch und trat dem islam bei. sp\u00e4ter reiste er mit einem arabischen textil-h\u00e4ndler in den sudan. f\u00fcr den h\u00e4ndler ging er regelm\u00e4ssig auf den markt, um stoffe zu verkaufen. eines morgens lernte er so den magier, seinen lehrer kennen.<\/p>\n<p>ihre fl\u00fcgel waren golden und hellblau, ihr schlanker k\u00f6rper, gleichm\u00e4ssig erdbraun. um die h\u00fcften hatte sie ein rosagelbes tuch geschlungen, sie stand auf einem felsvorsprung \u00fcber der sudanesischen w\u00fcste, die schmalen wolkenstreifen am horizont hatten sich rosa gef\u00e4rbt, ihren blick richtete sie mit einem leichten l\u00e4cheln nach oben, \u00fcber das w\u00fcstenmeer hinweg. sie war ein engel. mit lockeren fl\u00fcgelschl\u00e4gen flog sie los \u00fcber die w\u00fcste, immer ein l\u00e4cheln auf den lippen.<\/p>\n<p>nachdem telegonos f\u00fcnf jahre beim magier studiert hatte und die f\u00e4higkeiten seines willens und geistes kannte, machte er sich auf nach westeuropa, um dort sein wissen anzuwenden. zu fuss durchquerte er mit einer touristen-karawane die w\u00fcste. der afrikanische engel begleitete ihn nach europa. da telegonos urspr\u00fcnglich aus dem kaukasus war, konnte er selbstverst\u00e4ndlich nicht normal und unbehelligt wie ein mensch von nordafrika nach westeuropa gelangen. er h\u00e4tte als illegaler gegolten, doch der braune engel mit den goldblauen fl\u00fcgeln half ihm dabei.<br>seinen vater, den er zwar nicht kannte aber den er w\u00e4hrend seiner jugend gehasst hatte, suchte telegonos nicht mehr. den rochenstachel, mit dem er ihn vernichten wollte, brauchte er nicht mehr. die rochenwunde war endg\u00fcltig verheilt, denn der magier hatte ihm zur heilung verholfen. er vertraute sich jetzt selbst.<\/p>\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"800\" height=\"450\" src=\"https:\/\/lit.erizoman.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/1200px-Himantura_fai_tahiti-1-800x450.jpg\" alt=\"\" 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Quelle: https:\/\/de.wiktionary.org\/wiki\/stingray<\/figcaption><\/figure>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>die welt war ihm vertraut. gleich nach der geburt hatte sie ihn an ihren k\u00f6rper genommen. sie hatte ihn immer herumgetragen oder bei sich gehabt, bis er genug davon hatte und manchmal wegkrabbelte. auf seinen kleinen erkundungstouren wusste er immer wo sie war und sie war auch tats\u00e4chlich immer dort, wo er sie vermutet hatte. 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