{"id":51,"date":"2020-04-15T11:15:41","date_gmt":"2020-04-15T09:15:41","guid":{"rendered":"https:\/\/lit.erizoman.ch\/?p=51"},"modified":"2020-04-16T16:40:19","modified_gmt":"2020-04-16T14:40:19","slug":"teil-9-2001-das-ende-der-irrfahrt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/lit.erizoman.ch\/?p=51","title":{"rendered":"teil 9: 2001 &#8211; das ende der irrfahrt"},"content":{"rendered":"<p>im warmen k\u00fcstengew\u00e4sser gleitet der stechrochen mit wellenartigen bewegungen seiner fl\u00fcgelflossen langsam vorw\u00e4rts. sein platter k\u00f6rper schwebt wenige zentimeter \u00fcber dem hellen sandigen untergrund auf nahrungssuche. er gleitet \u00fcber ein krebschen und zermalt es mit seinen stumpfen z\u00e4hnen. das augenpaar auf dem r\u00fccken starrt nach oben ins helle blau, weit oben eine grenze erahnend. sein peitschenartigen schwanz, dessen ende mit giftstacheln bewehrt ist, l\u00e4sst er scheinbar ziellos hin und herpendeln.<\/p>\n<p>die jupiter-mission war aus einem milit\u00e4rischen projekt des nordatlantikpaktes heraus entstanden. nur die besten der h\u00e4rtesten astronauten waren ausgew\u00e4hlt und in langj\u00e4hrigem training auf die milliardenteure mission vorbereitet worden. zuerst war alles gut gelaufen. sauberer start von der erde, perfekte abl\u00e4ufe wie sie einge\u00fcbt worden waren, perfekte technik. doch dann waren wegen eines computerfehlers vier der sechs astronauten im tiefschlaf entschlafen. sein mit ihm \u00fcbriggebliebener kollege war sp\u00e4ter, als er f\u00fcr reparaturarbeiten an der ausgefallenen funkantenne in den weltraum ausgestiegen war, aus unerkl\u00e4rlichen gr\u00fcnden ums leben gekommen. er selbst, john hatred, hatte es nicht unbeschadet \u00fcberstanden. er konnte sich nicht mehr richtig erinnern. er musste am rande des wahnsinnes gewesen sein. er wusste nur noch, dass es ihm irgendwie gelungen war, die unkontrollierbar gewordene zentraleinheit des computers auszuschalten und von einer nebenkonsole aus mit \u00fcbermenschlicher anstrengung in ununterbrochener, bis zur totalen ersch\u00f6pfung reichender arbeit eine neue steuereinheit zu programmieren. die zeit war wie eine ewigkeit gewesen, es gab weder stunden noch minuten, weder tag noch nacht. ausser seinem atem, dem klappern der computertastatur und einem entfernten summen, das vom bordkraftwerk herr\u00fchrte, herrschte totale stille. er war vollst\u00e4ndig in einer technoiden umwelt eingekappselt. jede verbindung zur aussenwelt war gekappt, bis auf ein kleines sternensichtfenster im kontrollraum. durch dieses sichtfenster hatte er zwischendurch ewigkeiten lang in das auge des jupiters, dieses gigantischen wirbelsturmes, gestarrt, wie er sich entsann. die sonne oder die erde hatte er nicht sehen k\u00f6nnen.<br>\u00fcber das ziel der mission war er nie informiert worden, das w\u00e4re sache der drei wissenschafter und der wissenschaftlerin gewesen. im ausbildungslager hatten ihnen die ausbildner nur immer wieder so allgemeine floskeln eingepaukt wie: \u201eihr erforscht den raum jenseits des jupiters!\u201c, \u201eihr erweitert die grenzen der menschheit\u201c, \u201eihr seid die neuen pioniere der menschheit\u201c und so weiter. das konkrete ziel war geheim, aber nat\u00fcrlich gab es im camp zahlreiche spekulationen: \u201ees geht sicher um den jupitermond ganymed. denk nur an dessen grosse vorkommen an wasser und eis. ihr sollt die ersten schritte einleiten, damit er besiedelt werden kann, du wirst sehen\u201c &#8211; \u201eund wieso sollten sie das geheim behalten? nein ich denke eher, sie wollen abkl\u00e4ren, ob die riesigen wasserstoffvorkommen des jupiters angezapft werden k\u00f6nnen, das w\u00fcrde bedeuten, unendlich grosse energiereserven zu erschliessen.\u201c &#8211; \u201eich habe allerdings geh\u00f6rt, dass computerauswertungen der radiosignale aus dem all auf fremde intelligenzen schliessen lassen, vielleicht sollt ihr jenseits des st\u00f6renden strahlungsg\u00fcrtels der sonnensystems kontakt mit den ausserirdischen aufnehmen, ha ha ha.\u201c<br>zwanzig jahre lang war er von zuhause weg gewesen. erst die zehn jahre im ausbildungscamp, dann zehn jahre lang die mission selbst. im camp war jeder kontakt mit der aussenwelt verboten gewesen, nur ganz wenige male durften sie w\u00e4hrend der ausbildung in urlaub. einmal waren sie zusammen in den kaukasus gereist, um sich an den k\u00fcstennahen bergh\u00e4ngen zu erholen. seine kollegen zog es dann rasch zur schwarzmeerk\u00fcste und zum typischen strandleben mit \u2018rumfaulenzen und der anmache von einheimischen frauen. ihn zog es mehr in die berge. auf einer seiner ausgedehnten wanderungen war ihm diese magierin begegnet. sie behauptete, mit den tieren sprechen zu k\u00f6nnen und die pflanzen zu verstehen. selbstverst\u00e4ndlich hatte er ihr diesen bl\u00f6dsinn nicht geglaubt. trotzdem hatte sie ihm gefallen. er konnte auch nicht verleugnen, dass sie gewisse heilkr\u00e4fte besass. sie besuchte die d\u00f6rfer der region und heilte dort die leute mit den ihr eigenen mitteln. er hatte sie zwei-, dreimal auf solche besuche begleitet. die w\u00e4lder dort, die bergh\u00e4nge, die ganze natur hatten ihn fasziniert. er war dann tats\u00e4chlich zwei tage zu sp\u00e4t ins camp zur\u00fcckgekehrt, was nat\u00fcrlich ein disziplinarverfahren nach sich zog und beinahe seinen ausschluss aus dem projekt bedeutet h\u00e4tte.<br>aber das war schon lange her. sp\u00e4ter, als er alleine im raumschiff war, hatte er oft von ihr und den w\u00e4ldern getr\u00e4umt. er stellte sich vor, wie er durch die w\u00e4lder streifen w\u00fcrde, in fl\u00fcssen baden und abends mit nachbarn und bekannten schlemmen w\u00fcrde und so \u00e4hnliches.<\/p>\n<p>niemand hatte mehr daran geglaubt, dass er zur\u00fcckkehren w\u00fcrde. monatelang war noch vergeblich versucht worden wieder kontakt zum raumschiff herzustellen. es misslang. wie durch ein wunder, war es ihm gelungen mittels seines selbst-gebastelten steuerprogrammes um jupiter herum zu kreisen, das raumschiff unter ausnutzung der fliehkraft aus dem starken gravitationsfeld des planeten herauszubringen und es schliesslich auf die erde zur\u00fcckst\u00fcrzen zu lassen.<br>sein sohn hatte ihn gut aufgenommen, obwohl er schon zweiundzwanzig war. er hatte nie ganz aufgeh\u00f6rt zu hoffen, dass sein vater eines tages noch auftauchen w\u00fcrde. er wollte journalist werden, immer auf der suche nach nachrichten, die einmal \u00fcbermittelt, fern bei anderen menschen etwas ausl\u00f6sen k\u00f6nnen. zum spass nannte er sich telemachos, da er einmal die odyssee gelesen hatte.<br>seine frau hatte in der zwischenzeit verschiedene freunde und liebesbeziehungen gehabt, die sie aber offenbar letztlich nicht befriedigt hatten. zuerst hatte sie ihn lange zeit vermisst, dann aber auch gehasst, obwohl sie wusste, dass er vom milit\u00e4r in dieses unternehmen gezwungen worden war. er hatte sich damals sogar \u00fcberlegt, seine karriere zu beenden, bei seiner familie zu bleiben und sich dazu von einem psychiater krank schreiben zu lassen und hatte auch schon zwei-dreimal einen psychiater aufgesucht. schliesslich hatte sein mannesstolz und die versprechen und \u00fcberredungsk\u00fcnste seiner vorgesetzten doch gesiegt und dazu gef\u00fchrt, dass er lange zeit mit feuer und flamme beim projekt dabei war.<br>trotzdem lebten sie jetzt wieder zusammen, auch wenn sie nicht mehr sehr viel gemeinsam hatten. eine zeit lang wurde er noch vom milit\u00e4r bel\u00e4stigt. die nato verlangte eine interne untersuchung der angelegenheit, unter ausschluss der \u00f6ffentlichkeit. doch das verfahren wurde bald mangels beweisen eingestellt. beim r\u00fccksturz durch die erdatmosph\u00e4re war das raumschiff fast vollst\u00e4ndig vergl\u00fcht und so war er der einzige zeuge. jetzt erhielt er vom milit\u00e4r eine grossz\u00fcgige rente mit der auflage nicht mehr \u00fcber das jupiterprojekt zu sprechen.<\/p>\n<p>fortsetzung folgt im n\u00e4chsten schandfleck: der rochenstachel<\/p>\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/lit.erizoman.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/ooganymede-2.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-99\"\/><figcaption>Jupitermond Ganymed aus Sicht der Galileo-Sonde. Quelle: https:\/\/earthsky.org \/ via NASA<\/figcaption><\/figure>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>im warmen k\u00fcstengew\u00e4sser gleitet der stechrochen mit wellenartigen bewegungen seiner fl\u00fcgelflossen langsam vorw\u00e4rts. sein platter k\u00f6rper schwebt wenige zentimeter \u00fcber dem hellen sandigen untergrund auf nahrungssuche. er gleitet \u00fcber ein krebschen und zermalt es mit seinen stumpfen z\u00e4hnen. das augenpaar auf dem r\u00fccken starrt nach oben ins helle blau, weit oben eine grenze erahnend. sein [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[2],"tags":[],"class_list":["post-51","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-in-fremden-diensten"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/lit.erizoman.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/51","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/lit.erizoman.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/lit.erizoman.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/lit.erizoman.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/lit.erizoman.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=51"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/lit.erizoman.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/51\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":113,"href":"https:\/\/lit.erizoman.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/51\/revisions\/113"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/lit.erizoman.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=51"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/lit.erizoman.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=51"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/lit.erizoman.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=51"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}