{"id":49,"date":"2020-04-15T11:14:56","date_gmt":"2020-04-15T09:14:56","guid":{"rendered":"https:\/\/lit.erizoman.ch\/?p=49"},"modified":"2020-10-26T16:16:55","modified_gmt":"2020-10-26T15:16:55","slug":"teil-8-der-maschinenmensch-sieht-seine-pflanzenseele","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/lit.erizoman.ch\/?p=49","title":{"rendered":"teil 8: der maschinenmensch sieht seine pflanzenseele"},"content":{"rendered":"<p>vorsichtig fasste er mit daumen und zeigefinger die vom kontaktmittel glitschige linse am rand. dann hob er den kopf nach hinten, riss mit hilfe der finger der anderen hand weit das auge auf und f\u00fchrte die linse langsam mitten ins auge &#8211; bis sie sich an seiner hornhaut festsaugte. nach wenigen lidschl\u00e4gen wich das verschommene und seine materielle aussenwelt versch\u00e4rfte sich mehr und mehr und verharrte schliesslich gestochen scharf &#8211; 120 prozent.<\/p>\n<p>er ging zum k\u00fchlschrank und griff sich einen vitaminisierten joghurtdrink, den er rasch trank. er schaltete den computer vom standby in den aktiven modus. dieser fuhr mit leisem ger\u00e4usch hoch. er hatte die personalisierte benutzeroberfl\u00e4che ausgeschaltet &#8211; er hasste all diesen schnickschnack, l\u00e4chelnde blondinen usw. &#8211; und liess sich nur mit einem schriftlichen guten tag begr\u00fcssen. sofort war der computer mit dem internet verbunden, und er hatte wieder dieses mulmige gef\u00fchl und den verdacht, er sei die ganze zeit mit dem netz verbunden gewesen, obwohl er doch die verbindung gestern abend getrennt hatte. vielleicht sollte man sicherheitshalber den stecker ziehen. im gesch\u00e4ft war ihm schon aufgefallen, wenn er \u00fcberstunden machte, dass im computernetzwerk andauernd irgendwelche dioden und lichter blinkten, auch wenn gar niemand mehr arbeitete und nur noch der hauptcomputer lief, der nat\u00fcrlich auf keinen fall ausgeschaltet werden durfte &#8211; irgend etwas schien da vor sich zu gehen &#8230;<\/p>\n<p>nachdem er seine emails kurz \u00fcberflogen hatte &#8211; belanglose hallos, einige witzige bemerkungen und ein quiz von einem kollegen, der sich zur zeit in guatemala aufhielt -, schloss er seine einzimmerwohnung ab und fuhr mit dem lift zur garage hinunter. recht agressiv fuhr er ins stadtzentrum, aus seinen augenwinkeln konnte er einmal gerade noch erkennen, wie eine \u00e4ltere fussg\u00e4ngerin sich panikartig vom streifen gerettet hatte. er nahm f\u00fcr kurze zeit den fuss etwas vom gaspedal und schaltete das autoradio ein &#8211; krrrschschschkrrrsch&#8230;nschen get\u00f6&#8230;. chschschchschh&#8230;opfern handelt es sich um f\u00fcnf deutsche und einen italiener, die auf dem weg zur arbeit waren. laut angaben der d\u00fcsseldorfer polizei, gibt es zur stunde keine konkreten hinweise auf die t\u00e4terschaft. es k\u00f6nne aber nicht ausgeschlossen werden, dass rechtsradika &#8211; klick &#8211; er drehte das radio wieder ab. gekankenlos fuhr er weiter. rot. er hasste diese signale, die immer zur falschen zeit auf rot sprangen. als es endlich gr\u00fcn wurde, liess er den motor etwas aufheulen. im r\u00fcckspiegel sah er leichte rauchschwaden aufsteigen. er wollte nicht zu sp\u00e4t kommen und den tag schon in der defensive beginnen m\u00fcssen. ausserdem h\u00e4tte er gar nicht langsamer fahren k\u00f6nnen, da die anderen autos und \u00fcberhaupt alle auf der strasse ebenfalls hetzten und dr\u00e4ngten. er sah sich schon, wie er den frauen vom verkaufsinnendienst guten morgen sagen, in sein b\u00fcro hinten rechts gehen, die mappe hinschmeissen und den computer starten w\u00fcrde. als n\u00e4chstes w\u00fcrde er sich einen kaffee rauslassen, die neusten umsatzzahlen studieren und vielleicht ein paar worte mit einer mitarbeiterin wechseln. dann w\u00fcrde er sich wieder vor den computer setzen und sich den halben tag lang mit den immer \u00e4hnlichen tabellen und zahlen besch\u00e4ftigen. dabei w\u00fcrde er sich immer wieder \u00fcber die scheinbaren oder tats\u00e4chlichen fehlfunktionen des computers \u00e4rgern, die er nicht verstand. zwischendurch w\u00fcrde er angekommene emails herunterladen, die seinen absenden und einige telefonate erledigen.<br \/>er war schon auf dem nordring als es ihm aush\u00e4ngte. er bog nicht links ab, wie er es h\u00e4tte tun m\u00fcssen, sondern fuhr geradeaus weiter, ging auf die autobahn, genoss es beim beschleunigen den zug des motors zu sp\u00fcren und wechselte gleich auf die \u00fcberholspur. er raste mit einem ver\u00e4chtlichen l\u00e4cheln an all den anderen lahmen enten vorbei und entzifferte bereits die noch weit entfernte tafel der ausfahrt.<\/p>\n<p>ganz am ende des feldweges schaltete er den motor ab, \u00f6ffnete den kofferraum und nahm den metallkoffer heraus, der sich immer darin befand. mit metallischem klicken schnappte der verschluss auf. &#8211; im fadenkreuz des zielfernrohrs sah er sehr nah herangeholt, gestochen scharf &#8211; sein herz.<\/p>\n<p><strong>hunderttausend blumen<\/strong><br \/>es wurde dunkel um ihn, er merkte wie seine beine schwer wurden. er wurde langsam in einen goldenen teich getaucht. er versank in der z\u00e4hfl\u00fcssigen fl\u00fcssigkeit und tauchte mit dem kopf unter die goldgl\u00e4nzende oberfl\u00e4che. er befand sich jetzt tief in der h\u00f6hle der erde. in schwarz-braunen, wabenartigen buchten grinsten lustig helle, comicartige erdgeisterchen, ein m\u00e4usewissenschafter im weissen kittel zeigte im hunderte und tausende von piepsenden m\u00e4usek\u00fchen die massenweise in grossen k\u00e4figen eingesperrt waren. die gitter standen auf verschiedenen, riesigen etagen nebeneinander aufgereiht. danach ging es weiter hinab auf andere stockwerke. mit der bemerkung: &#8222;das sind jetzt die m\u00e4nnchen, die m\u00e4use vorhin sind alles weibchen gewesen&#8220;, zeigte ihm der merkw\u00fcrdige wissenschafter andere grosse k\u00e4fige, in denen abertausende und abermillionen von insekten schwirrten. er h\u00f6rte noch wie die stimme sagte: &#8222;die werden wir dann auf die m\u00e4use loslassen, sp\u00e4ter.&#8220; dann wurde er von der energie emporgetragen aus der h\u00f6hle, wurde leicht und unbeschwert, dr\u00e4ngte zum licht. inmitten von wilden bl\u00fcten und gr\u00e4sern befand er sich in einer wiese. seine bewegungen verlangsamten sich mehr und mehr bis er im jetzt verharrte. er sah nur noch feines wildes gr\u00fcnes, pflanzen, die im wind wogten und zum blauen himmel strebten, vergass wer er war, woher er gekommen war, war nicht mehr sich selbst, war nur noch wiese, sp\u00fcrte nur noch dunkle erde, licht und blauer himmel.<\/p>\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>vorsichtig fasste er mit daumen und zeigefinger die vom kontaktmittel glitschige linse am rand. dann hob er den kopf nach hinten, riss mit hilfe der finger der anderen hand weit das auge auf und f\u00fchrte die linse langsam mitten ins auge &#8211; bis sie sich an seiner hornhaut festsaugte. nach wenigen lidschl\u00e4gen wich das verschommene [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[2],"tags":[],"class_list":["post-49","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-in-fremden-diensten"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/lit.erizoman.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/49","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/lit.erizoman.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/lit.erizoman.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/lit.erizoman.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/lit.erizoman.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=49"}],"version-history":[{"count":6,"href":"https:\/\/lit.erizoman.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/49\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":184,"href":"https:\/\/lit.erizoman.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/49\/revisions\/184"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/lit.erizoman.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=49"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/lit.erizoman.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=49"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/lit.erizoman.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=49"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}