{"id":47,"date":"2020-04-15T11:14:11","date_gmt":"2020-04-15T09:14:11","guid":{"rendered":"https:\/\/lit.erizoman.ch\/?p=47"},"modified":"2020-05-01T20:20:45","modified_gmt":"2020-05-01T18:20:45","slug":"teil-7-der-james-bond-jesus-komplex","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/lit.erizoman.ch\/?p=47","title":{"rendered":"teil 7: der james bond-jesus-komplex"},"content":{"rendered":"<p>er war im zug, auf der r\u00fcckfahrt aus der zukunftsstadt am bielersee in die bundeshauptstadt. der himmel draussen war stahl-weiss, die matt-weisse sonne in ihm kaum erkennbar. die landschaft war unter dunstig bl\u00e4uliches grau getaucht. das blau des himmels war wegge\u00e4zt.<br>eine junge frau telefonierte mobil: f\u00fcr ihn belanglose worte, wann sie wo bei irgendwem eintreffe.<br>noch das fast nicht zu ertragende schrillen und quietschen des bahnhofs in den ohren, k\u00e4mpfte er sich zu fuss von der grossen schanze richtung monbijou durch. er kniff die augen zu, das licht war irgendwie zu hell, zu weiss. keuchend atmete er das feinstaub-ozongasgemisch der stadt. er fand es war zu heiss, er f\u00fchlte sich \u00fcberhitzt. es war sp\u00e4ter nachmittag. er stand am strassenrand wie an einem abgrund. rot. gleissend flimmernd unter hupen und gedr\u00f6hn brandete ihm der autoverkehr entgegen.<br>unvermittelt entschloss er sich, einen abstecher in die altstadt zu machen. auf dem b\u00e4renplatz hatte irgend so eine jesus-vereinigung ihren stand aufgestellt und gleich drei st\u00e4ndeler versuchten ihm hintereinander die broch\u00fcre &#8222;ich bin der herr und das licht, wer an mich glaubt gelangt ins himmelreich&#8220; anzudrehen. als er den zytglogge-kiosk passierte, las er den zeitungsaushang: &#8222;erh\u00f6hte sonnenprotuberanzen &#8211; alle 7 jahre&#8220; und &#8222;ogi will f\u00fcr 1&#8217;000&#8217;000&#8217;000 sfr. 186 neue kampfpanzer &#8211; ja zur kleineren armee&#8220;. er steuerte auf die plattform zu. hatte man jetzt eine natel-antenne in den m\u00fcnsterturm eingebaut?, durchfuhr es ihn pl\u00f6tzlich. schliesslich ging er in eine bar. die frauen waren alle in grau gekleidet. die m\u00e4nner in schwarz und weiss oder grau. er nippte an einem kaffee. im fernseher wurde ein fussballer interviewt.<\/p>\n<p>wie werde ich ein superheld? diese frage trieb ihn um seit er f\u00fcnf war. es schien zur zeit im westen zwei vorherrschende muster zu geben: james bond und jesus. selbstverst\u00e4ndlich lag jesus heute weit im hintertreffen. er wusste nur wenig &#8211; bruchst\u00fcckhaftes &#8211; \u00fcber den anscheinend reichlich skurrilen vertreter eines irrational geistigen prinzips. jesus hatte sehr einfach gelebt, war zu fuss oder auf dem esel herumgewandert und hatte verschiedene reden gehalten und wunder vollbracht, bis er verhaftet und hingerichtet wurde durch die statthalter des damaligen weltreichs. den hintergrund seiner vorschl\u00e4ge betreffend des menschlichen lebens und zusammenlebens bildete seines wissens folgende vorstellung: gott war eine allm\u00e4chtige person jenseits der realit\u00e4t. eine realit\u00e4t, die er zwar gesch\u00f6pft hatte, die zu seinem ruhm und seiner ehre da sein sollte, in der er seine existenz durch verschiedene vorkommnisse (z.b. visionen oder wunder) aufscheinen lassen konnte &#8211; wenn er nicht sogar ihren verlauf vollst\u00e4ndig vorherbestimmt hatte -, die aber vollst\u00e4ndig von ihm getrennt war. er selbst, jesus, mensch, gott oder gottmensch, war von gott gesandt worden, um die menschen von ihrer ewigen, schon immer dagewesenen schuld zu befreien. wer an ihn und gott glaubte, w\u00fcrde &#8211; nach dem tod &#8211; ins paradis kommen, ein jenseitiges land immerw\u00e4hrender gl\u00fcckseligkeit. die menschen standen immer in einer schuld. nur gott konnte dank seiner unendlichen gnade und barmherzigkeit &#8211; diese formulierung liess erahnen wie gross die menschliche schuld sein musste -, diejenigen erl\u00f6sen, die an ihn glaubten oder die ein gottgef\u00e4lliges, frommes leben f\u00fchrten. die regeln, die ein frommes leben ausmachten, konnten, je nach gesellschaft oder gruppe, verschieden sein und mehr oder weniger rigide gehandhabt werden.<\/p>\n<p>machte james bond einen besseren eindruck? durch seine bloss mediale existenz war diese gestalt des zwanzigsten jahrhunderts \u00e4hnlich weit entr\u00fcckt und abstrakt wie der zeitlich weit entfernte jesus. wie dieser war er ein retter der welt. james bond handelte letztlich immer im auftrag eines \u00fcbervaters oder einer \u00fcbermutter, beziehungsweise seiner regierung, wenn er sich auch gewisse eigenst\u00e4ndige eskapaden erlaubte &#8211; kleine s\u00fcnden, die von seinen auftraggebern mit einverst\u00e4ndigem l\u00e4cheln toleriert wurden. er handelte zur ehre seiner auftraggeber und erhielt jedesmal als belohnung ein st\u00fcckchen gl\u00fcck in form sexueller lust-befriedigung. obschon sie nur im hintergrund agierten, w\u00e4re james bond ohne seine auftraggeber v\u00f6llig hilflos gewesen. seine hauptwaffen waren nicht worte, sondern seine aktionen, seine agilit\u00e4t und mobilit\u00e4t, das immer \u00fcberlegene l\u00e4cheln. er reiste weit herum, nicht zu fuss, sondern in und auf allerlei modernsten gef\u00e4hrten. 007 war immer in gefahr vom gegnerischen weltreich ausgeschaltet zu werden. er \u00fcberlebte aber immer, da er rein dieseitig existierte und kein jenseitiges reich im hintergrund hatte. sein tod h\u00e4tte ihn vollst\u00e4ndig ausgel\u00f6scht. der gegner war immer abgrundtief b\u00f6se und wollte die welt zerst\u00f6ren. james bond redete nicht er handelte. er vollbrachte allerlei wunder, dank seinen technischen und wissenschaftlichen wundermitteln (h\u00e4ufig frisierte alltagsgegenst\u00e4nde wie kulis, uhren, autos etc..) sowie dank seinen k\u00f6rperlichen oder intellektuellen f\u00e4higkeiten und einer portion gl\u00fccklicher zuf\u00e4lle. es gab nur das dieseits, wenn es auch in der cin\u00e9astisch verzerrten form erschien. es existierte keinerlei geistiges prinzip, nur die intelligenz der wissenschafter, die auch nicht ganz ernst genommen wurde. die technik war ein selbstst\u00e4ndiger wert, woher sie kam, wer sie produzierte war unwichtig.<br>er versuchte die james bond-film eindr\u00fccke nochmals zusammenzufassen:<br>technik kann wunder bewirken! statt handlungsvorschriften, handlungen um jeden preis! bitte weiterhin gut bleiben und auf der seite der guten k\u00e4mpfen, das heisst immer bei uns, jedenfalls im westen! haltet euch, auch als schein selbst\u00e4ndige immer an eure auftraggeber. das jenseitige paradis gibt es zwar nicht, aber ihr seid ja immer auf der seite der gewinner und \u00fcbermorgen nach der arbeit ein k\u00fchler drink und ein bisschen sex mit einem willigen objekt ist ja auch ganz sch\u00f6n! zur not wenigstens, mehr liegt sowieso nicht drin oder seht ihr eine andere m\u00f6glichkeit? wir sehen jedenfalls nichts, die realit\u00e4t ist flach wie eine kinoleinwand; wenn ihr die gl\u00e4nzende folie abzieht ist nur dreck darunter.<br>er nippte wieder ein wenig an seinem kaffee. im fernseher der bar hatte der fussball-match begonnen.<\/p>\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/lit.erizoman.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/alpenblick.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-136\" width=\"580\" height=\"397\"\/><figcaption>Quelle: lorenzehrismann.com<\/figcaption><\/figure>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>er war im zug, auf der r\u00fcckfahrt aus der zukunftsstadt am bielersee in die bundeshauptstadt. der himmel draussen war stahl-weiss, die matt-weisse sonne in ihm kaum erkennbar. die landschaft war unter dunstig bl\u00e4uliches grau getaucht. das blau des himmels war wegge\u00e4zt.eine junge frau telefonierte mobil: f\u00fcr ihn belanglose worte, wann sie wo bei irgendwem eintreffe.noch [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[2],"tags":[],"class_list":["post-47","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-in-fremden-diensten"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/lit.erizoman.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/47","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/lit.erizoman.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/lit.erizoman.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/lit.erizoman.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/lit.erizoman.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=47"}],"version-history":[{"count":7,"href":"https:\/\/lit.erizoman.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/47\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":140,"href":"https:\/\/lit.erizoman.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/47\/revisions\/140"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/lit.erizoman.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=47"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/lit.erizoman.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=47"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/lit.erizoman.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=47"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}