{"id":45,"date":"2020-04-15T11:13:35","date_gmt":"2020-04-15T09:13:35","guid":{"rendered":"https:\/\/lit.erizoman.ch\/?p=45"},"modified":"2020-04-15T11:13:35","modified_gmt":"2020-04-15T09:13:35","slug":"teil-6-die-gewissenspruefung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/lit.erizoman.ch\/?p=45","title":{"rendered":"teil 6: die gewissenspr\u00fcfung"},"content":{"rendered":"<p>herr schadau schweifte mit seinen gedanken ab. gestern hatte er seine 2a, eine der gymer klassen, die er in wetzikon in geschichte unterrichtete, eine probe \u00fcber die verbreitung der christlichen sekte im r\u00f6mischen reich schreiben lassen. er hatte am abend die aufs\u00e4tze kurz \u00fcberflogen. die meisten hatten die reisen des paulus betont, nur sein lieblingssch\u00fcler matthias hatte ausgef\u00fchrt, wie mit der zunehmenden zersetzung des reiches, das christentum immer mehr macht gewann. heute morgen war er mit seinem wagen in weniger als zwei stunden auf der nationalstrasse 1 vom z\u00fcrcher oberland nach thun gerast. trotzdem war er ein wenig zu sp\u00e4t zur ersten anh\u00f6rung gekommen. wegen eines unfalls beim autobahnkreuz h\u00e4rkingen stand er l\u00e4ngere zeit in einem stau. \u00fcber mittag war er mit seinen kollegen und den kolleginnen der zulassungskommission in den b\u00e4ren essen gegangen. wieder einmal so eine richtige kalbshaxe mit sauerkraut. das gab es selten in der schweiz. als er in deutschland gewohnt hatte, war das anders gewesen. \u00fcberhaupt die zeiten \u00e4nderten sich. fr\u00fcher unternahmen sie ja noch richtige, verwerfliche eroberungskriege um macht und herrschaft \u00fcber territorien. was sollte man heute gegen eine friedensmission der nato im kosovo einzuwenden haben? oder seine kollegen von der kommission zum beispiel: alle waren sie lehrer, psychologen, sachbearbeiter, pfaffen, sogar eine hausfrau figurierte auf der lohnliste! nur ihr unmittelbarer vorgesetzter war aus altem holz geschnitzt: vor wenigen jahren war ihr gremium noch ein gericht gewesen, das nur aus milit\u00e4rs bestand. zudem waren die meisten von haus aus juristen, die diesen beruf auch im privatleben aus\u00fcbten. beim kaffee hatte er sich mit der kollegin schmied \u00fcber die schlechte stimmung in der zulassungskommission unterhalten. aus dem bwa, dem bundesamt f\u00fcr wirtschaft und arbeit, abteilung zivildienst, waren von ihrem big boss neue weisungen gekommen. die zulassungsquote musste f\u00fcr die deutschsprachigen zivildienstanw\u00e4rter von jetzt 82 prozent auf 70 prozent gesenkt werden. bei den tessinern und welschen durfte man dagegen in zukunft etwas grossz\u00fcgiger verfahren, da diese momentan nur quoten von rund 60 prozent erreichten. vielen kollegen bereitete das m\u00fche, da sie anscheinend ernsthaft bem\u00fcht waren, die ehrlichen gesuchsteller mit ernsthaften gewissensn\u00f6ten herauszufiltern und ihnen den zivildienst zu erm\u00f6glichen. vielleicht etwas zu offen hatte er der sozialarbeiterin schmied geschildert, dass ihm das keine probleme bereite, da ihm das system der zulassungsquoten von schule und studium her in fleisch und blut \u00fcbergegangen sei. er hatte sich bem\u00fcht, nicht zu sehr auf ihre engen lederhosen zu starren. obwohl sie etwas den mund verzogen hatte, hatte er hinzugef\u00fcgt, dass es eben nicht f\u00fcr alle platz habe und dass ja &#8211; zumindest theoretisch &#8211; alle die gleichen chancen h\u00e4tten.<br \/>\n&#8222;haben sie noch eine frage an den gesuchsteller, herr schadau?&#8220; er zuckte zusammen, der leiter der heutigen befragungen, herr antonioni hatte sich an ihn gewandt. &#8222;nein, nein&#8220;, murmelte er etwas zerstreut. noch einmal hatte der j\u00fcngling &#8211; sicher war es noch nicht lange her, seit er seine maturpr\u00fcfung geschafft hatte &#8211; jetzt gelegenheit, seine gr\u00fcnde, wieso er den milit\u00e4rdienst nicht mit seinem gewissen vereinbaren konnte, darzulegen. ja, sie waren zuvorkommend, nett, versuchten eine gute atmosph\u00e4re zu schaffen, w\u00e4hrend den befragungen. mit interessierter miene h\u00f6rte sich herr schadau die weiteren ausf\u00fchrungen des gesuchsstellers thomas s. an: dass er vegetarier sei, seit er sich mit vierzehn der skater-gruppe angeschlossen hatte; dass er nicht auto fahre und \u00fcberdies bei der lancierung von umverkehr, einer volksinitiative, mitgemacht habe; dass er begonnen habe, sich mit der frage der milit\u00e4rverweigerung auseinanderzusetzen, als sie im geschichteunterricht das dritte reich behandelt h\u00e4tten und dass er seither \u00fcberhaupt gegen faschistische tendenzen, die in der westeurop\u00e4ischen gesellschaft weiterhin ihr unwesen trieben, ank\u00e4mpfe. er denke da zum beispiel an die praxis der ausschaffung von fl\u00fcchtlingen, sowie die anschl\u00e4ge auf fl\u00fcchtlingszentren oder an das kapitel der schweizer geschichte, das man mit dem wort nazigold zusammenfasste. gedankenverloren h\u00f6rte schadau zu. mit seinem kugelschreiber kritzelte er kleine hakenkreuzchen.<\/p>\n<p>[ueber3|unten]<br \/>\nthomas s. hatte sich anfangs stark auf ihre fragen konzentriert und versucht, mit seinen antworten ihre erwartungen zu erf\u00fcllen. wohl unbewusst hatte er ihre anerkennung erheischen wollen. dadurch hatte er seine gedanken aber nicht richtig entwickelt und sich in widerspr\u00fcche verwickelt. er war in der defensive. so hatte er keine chance. er musste unbedingt zu sich selbst finden und beschloss, lieber alles zu riskieren. im verlaufe seiner rede wurde er immer sicherer und k\u00e4mpferischer und musste langsam aufpassen sich nicht zu sehr hinreissen zu lassen. wenn er seine wahren anschauungen enth\u00fcllte, w\u00fcrde er m\u00f6glicherweise nicht zugelassen werden. er \u00fcberlegte kurz, ob er den aspekt des fairen handels ins spiel bringen sollte. ihm war aufgefallen, dass diese frau schmied schwarze lederhosen trug. das war sicher leder aus indien, das unter unmenschlichsten arbeitsbedingungen und unter anwendung zahlreicher hochgiftiger chemikalien produziert wurde, die ausserdem ganze landstriche unbewohnbar machten. doch wahrscheinlich w\u00fcrde er sie bloss gegen sich aufhetzen. es war das typische pr\u00fcfungsdilemma: man, die kommission, erwartete \u00fcberzeugende selbstdarstellung, klare darlegung, stringente beweisf\u00fchrung, aber jedes anzeichen von rebellion oder auch nur in frage stellung der situation w\u00fcrde erbarmungslos geahndet werden. thomas merkte, dass er keine lust mehr hatte, diesen leuten irgendetwas recht zu machen. immer rascher verloren sie die macht \u00fcber ihn. sowieso w\u00fcrde das milit\u00e4r schon sehr bald seine truppen halbieren, wie der chef des milit\u00e4rs, herr ogi, k\u00fcrzlich den medien bekannt gegeben hatte (auf 150 000 bis 200 000 personen). dies bedeutete, dass die zahl der dienstpflichtigen verkleinert werden w\u00fcrde und dass die leute hier noch weniger einfluss haben w\u00fcrden, da ja nur dienstpflichtige ein zivildienstgesuch stellen k\u00f6nnen. was musste er sich hier rechtfertigen? sollten, die sich doch rechtfertigen, sie kosteten ja steuergelder und kaschierten ihren egoismus mit n\u00e4chstenliebe, pflichtgef\u00fchl und ethik. was hatten die f\u00fcr ein recht \u00fcber seine motivation zu befinden, wenn er sich bereit erkl\u00e4rte zivildienst zu leisten? absolut keins! ja im mittelalter h\u00e4tten sie ihm vielleicht den tod auf dem scheiterhaufen bescheren k\u00f6nnen. im mittelalter hatten sich die herrschenden aber damit begn\u00fcgt, dass ein ketzer sich wieder zu den herrschenden wahrheiten bekannte. heute gen\u00fcgte es dieser zulassungskommission nicht, wenn er sich zum zivildienst bekannte. sie wollte auch aufschluss \u00fcber seine geheimsten gr\u00fcnde und motive. diese leute wollten m\u00f6glichst in sein inneres blicken k\u00f6nnen und ihn sezieren. ein \u00f6ffentliches bekenntnis war nicht mehr genug. klar, jeder konnte sagen er m\u00f6chte zivildienst machen. entscheidend war doch, dass er es gesagt hatte und somit den zivildienst leisten w\u00fcrde, wenn sie ihn liessen. doch in der moderne war das immer noch zu wenig. man musste es innerlich ernst meinen und es verinnerlicht haben. man musste so sein wie die gesellschaft es w\u00fcnschte, auch psychisch. die bloss \u00e4usserliche unterwerfung gen\u00fcgte nicht. wenn man nicht so war, durfte und musste man an sich arbeiten! die moderne gesellschaft wollte den menschen auch von innen heraus bestimmen und modellieren. sie half einem dabei nat\u00fcrlich auch. die befrager hier wollten ihn keineswegs fertigmachen. und doch w\u00fcrde es unannehmlichkeiten bringen, wenn er die sache auf die spitze trieb. das war das ganze nicht wert. der ganze anlass war &#8211; obwohl er symptomatisch war &#8211; als gesellschaftliches ereignis viel zu unwichtig.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>herr schadau schweifte mit seinen gedanken ab. gestern hatte er seine 2a, eine der gymer klassen, die er in wetzikon in geschichte unterrichtete, eine probe \u00fcber die verbreitung der christlichen sekte im r\u00f6mischen reich schreiben lassen. er hatte am abend die aufs\u00e4tze kurz \u00fcberflogen. die meisten hatten die reisen des paulus betont, nur sein lieblingssch\u00fcler [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[2],"tags":[],"class_list":["post-45","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-in-fremden-diensten"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/lit.erizoman.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/45","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/lit.erizoman.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/lit.erizoman.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/lit.erizoman.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/lit.erizoman.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=45"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/lit.erizoman.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/45\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":46,"href":"https:\/\/lit.erizoman.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/45\/revisions\/46"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/lit.erizoman.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=45"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/lit.erizoman.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=45"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/lit.erizoman.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=45"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}