{"id":43,"date":"2020-04-15T11:12:34","date_gmt":"2020-04-15T09:12:34","guid":{"rendered":"https:\/\/lit.erizoman.ch\/?p=43"},"modified":"2020-04-15T11:12:34","modified_gmt":"2020-04-15T09:12:34","slug":"teil-5-arbeitsdienst-und-totale-produktion","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/lit.erizoman.ch\/?p=43","title":{"rendered":"teil 5: arbeitsdienst und totale produktion"},"content":{"rendered":"<p>er r\u00e4kelte sich eine ganze weile lang im bett, d\u00f6ste wieder ein wenig weiter, drehte sich nocheinmal um, schaute zum fenster hinaus: die b\u00e4ume hatten bereits einzelne farbige bl\u00e4tter bekommen. er h\u00f6rte das nahe b\u00e4chlein rauschen, die kuhglocken bimmelten friedlich. nur der junge kater war etwas unruhig geworden, hatte schon einige male am bettende mit ausgefahrenen krallen nach seinen f\u00fcssen gehascht und wollte jetzt unbedingt aus dem zimmer gelassen werden. wohl oder \u00fcbel musste er also die bettdecke zur\u00fcckschlagen und die beine aus dem bett schwingen. als erstes machte er sich einen kaffee, ging runter die zeitung holen und las darin herum. die anderen wg-bewohner waren in der schule, arbeiten gegangen oder irgendwo in den kletterferien.<br \/>\nam fr\u00fchen nachmittag klingelte der wandapparat: &#8222;sind sie herr ehrismann?&#8220; &#8222;jaa?&#8220; &#8222;wieso sind sie nicht einger\u00fcckt? sie haben dienst!&#8220; &#8222;ich gehe nicht mehr ins milit\u00e4r, ich verweigere.&#8220; &#8211;<br \/>\nnach dem kurzen telefongespr\u00e4ch f\u00fchlte er sich eher ein bisschen besser als vorher, doch sonst hatte sich nichts ver\u00e4ndert. er nahm eine dusche und studierte danach wie \u00fcblich die stellenanzeigen. sp\u00e4ter setzte er sich hinaus an die sonne und las in der schrift &#8222;national\u00f6konomie und philosophie, \u00fcber den zusammenhang der national\u00f6konomie mit staat, recht, moral und b\u00fcrgerlichem leben&#8220; von 1844: &#8222;alles was dir der national\u00f6konom an leben nimmt und an menschheit, das alles ersetzt er dir in geld und reichtum und alles das, was du nicht kannst, das kann dein geld: es kann essen, trinken, auf den ball, ins theater gehen, es macht sich die kunst, die gelehrsamkeit, die historischen seltenheiten, die politische macht, es kann reisen, es kann dir das alles aneignen: es kann das alles kaufen; es ist das wahre verm\u00f6gen. aber es, was all dies ist, es mag nichts als sich selbst schaffen, sich selbst kaufen, denn alles andere ist ja sein knecht und wenn ich den herrn habe, habe ich den knecht und brauche ich seinen knecht nicht. alle leidenschaften und alle t\u00e4tigkeit muss also untergehen in der habsucht. der arbeiter darf nur so viel haben, dass er leben will, und darf nur leben wollen, um zu haben.&#8220;<br \/>\ngut, da ich zur zeit fast kein geld habe, kann ich also all diese dinge nicht tun. aber die erfahrung zeigt ja, dass ich nur geld haben kann, wenn ich fast die gesamte lebenszeit auf eine einseitige t\u00e4tigkeit aufwende, zum beispiel wenn ich f\u00fcnf tage in der woche, jahr ein jahr aus als sachbearbeiter in einer versicherung arbeite. dann habe ich zwar geld, kann aber all diese dinge, eben zum beispiel texte schreiben, sich einer wissenschaft widmen, auch nicht tun, da ich ja jetzt keine zeit daf\u00fcr habe. um gl\u00fccklich zu sein, das heisst meiner nat\u00fcrlichen veranlagung als mensch entsprechend leben zu k\u00f6nnen, m\u00fcsste ich also fast vollst\u00e4ndig in dieser t\u00e4tigkeit aufgehen und sie als mein hauptinteresse empfinden k\u00f6nnen, was offensichtlich unm\u00f6glich ist.<br \/>\n(finden sie diese \u00fcberlegungen \u00fcberrissen oder gar masslos, dass er sich \u00fcberlegt, wie er gl\u00fccklich leben k\u00f6nnte? vielleicht finden sie ja schon das wort &#8218;gl\u00fccklich&#8216; \u00fcbertrieben oder jedenfalls antiquiert?)<\/p>\n<p>[ueber3|ii]<br \/>\neinige monate sp\u00e4ter kam nat\u00fcrlich, &#8211; das heisst vielmehr, so wie es kommen musste, wenn dieser apparat einmal arbeitete -, ein schreiben des sektionschefs, noch sp\u00e4ter die vorladung des untersuchungsrichters, usw: das verfahren lief.<br \/>\nschlussendlich entschied er sich dann doch f\u00fcr den arbeitsdienst, den er dem gef\u00e4ngnis vorzog. ah halt, zivildienst hiess es ja jetzt, wo das neue gesetz endlich in kraft getreten war. obwohl, unter arbeitsdienst konnte er sich mehr vorstellen, was hiess den bloss noch zivil? b\u00fcrgerlich, staatlich, das hiess also b\u00fcrgerlicher dienst, dienst am b\u00fcrgertum oder staatlicher dienst, staatsdienst?<br \/>\nungef\u00e4hr 99j\u00e4hrige bem\u00fchungen von einzelk\u00e4mpfern, initiativen und ganzen bewegungen das milit\u00e4r und mit ihm den krieg ganz und grunds\u00e4tzlich abzuschaffen, hatten im endeffekt dazu gef\u00fchrt, f\u00fcr diejenigen leute, die krieg und organisiertes t\u00f6ten, nicht mit ihrem gewissen vereinbaren konnten, eventuell die m\u00f6glichkeit zu schaffen, einen arbeits- oder zivildienst zu leisten. irgendwie fand er das nicht logisch: dass die herrschenden jene einsperren, die sich ihren anspr\u00fcchen offensichtlich widersetzen war ja klar. aber wieso hatte der staat ein interesse daran, ihn stattdessen zur arbeit zu zwingen? offensichtlich wollten die herrschenden kreise die leute unbedingt im bereich der produktion oder allenfalls noch reproduktion gehalten wissen, oder wie in seinem falle auch gegen deren willen in diesen einschleusen. f\u00fcr die rechten im parlament war es immer noch als strafe gedacht: arbeitsdienst als strafdienst. f\u00fcr die parlamentslinke, wie sie sich nannte, war es offenbar eine art abgeschw\u00e4chte form von milit\u00e4rdienst: das unterwerfende, staatsdienende und disziplinierende moment des milit\u00e4rs sollte erhalten bleiben, nur der destruktive faktor des t\u00f6tens und mordens, sollte durch den konstruktiven, sinnvollen der produktion ersetzt werden. wieso die linke den staatlichen dienst gerade hier weitererhalten wollte, war ihm ein r\u00e4tsel: wo sie doch sonst f\u00fcr die sogenannte befreiung der staatlichen einrichtungen, institutionen und betriebe ritterhaft ihren mann oder ihre frau stellte, die mit heerem s\u00e4belschwingen die k\u00f6pfe rollen liessen und noch vor den rechtsliberalen befreiern voranritten im kampf f\u00fcr die rationalisierung und reprivatisierung.<\/p>\n<p>[ueber3|iii]<br \/>\nende der 90iger jahre, kam er eines abends nach hause. er arbeitete in einer internationalen handelsorganisation, die in die krise geraten war. fr\u00fcher einmal war sie als genossenschaft gegr\u00fcndet worden und sollte dann zur aktiengesellschaft hochrationalisiert werden, was allerdings misslang. heute wechselten die chefsanierer und mitarbeiterinnen im eilzugstempo. selbstverst\u00e4ndlich, das auch topeinsatz nicht gen\u00fcgte, da zuviele mitarbeiterinnen wegrationaliert worden waren oder von selbst das feld ger\u00e4umt hatten. er duschte, ass etwas und verfiel in seine allabendliche lethargie und m\u00fcdigkeit. im traum qu\u00e4lte er sich durch die menschenmenge im hauptbahnhof wie jeden abend. an diesem abend gelang es ihm nicht zum richtigen ausgang aus dieser unterwelt zu gelangen. die menschenmasse riss ihn mit sich fort und sp\u00fclte ihn in eine riesige fabrikhalle. von einem \u00fcberdimensionierten bildschirm herab sprach der chefmanager der uec (united european corporation), die sich zum gr\u00f6ssten unternehmen der schweiz und ganz europas zusammenfusioniert hatte. f\u00fcr die strategen dieses konzerns war die region schweiz nat\u00fcrlich nur ein kleiner unbedeutender teilabsatzmarkt. die digitalisierte stimme hallte metallisch \u00fcber die erregte masse hinweg: &#8222;unsere produktionseinheit schweiz hat sich gut gehalten. der umsatz konnte um 7 prozent, ich wiederhole s i e b e n prozent gesteigert werden. dieses ergebnis konnten wir nur dank ihrem hervorragenden einsatz erzielen. ihnen allen gilt meine vollste anerkennung! allerdings ben\u00f6tigen wir eine stark verbesserte rentabilit\u00e4t, um im globalen \u00fcberlebenskampf bestehen zu k\u00f6nnen. dies verlangt von uns allen, von ihnen und von mir, eine grosse opferbereitschaft. erst wenn unsere produkte die welt erobert haben, erst wenn dank der hervorragenden qualit\u00e4t unserer erzeugnisse, diese von uns geplanten und hergestellten produkte, die mangelhaften nat\u00fcrlichen hervorbringungen, ihre fehlerhaften naturanlagen vollst\u00e4ndig beseitigt und ersetzt haben, wird unser unternehmen den sieg davontragen. frage an sie unsere belegschaft: wollt ihr die vollst\u00e4ndige artifizierung der welt! wollt ihr die totale produktion!&#8220; die hysterie der masse hatte sich w\u00e4hrend diesen s\u00e4tzen sprunghaft gesteigert und entlud sich in einem gigantischen, ohrenbet\u00e4ubenden, archaischen aufschrei. schweissgebadet schreckte er auf.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>er r\u00e4kelte sich eine ganze weile lang im bett, d\u00f6ste wieder ein wenig weiter, drehte sich nocheinmal um, schaute zum fenster hinaus: die b\u00e4ume hatten bereits einzelne farbige bl\u00e4tter bekommen. er h\u00f6rte das nahe b\u00e4chlein rauschen, die kuhglocken bimmelten friedlich. nur der junge kater war etwas unruhig geworden, hatte schon einige male am bettende mit [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[2],"tags":[],"class_list":["post-43","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-in-fremden-diensten"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/lit.erizoman.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/43","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/lit.erizoman.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/lit.erizoman.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/lit.erizoman.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/lit.erizoman.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=43"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/lit.erizoman.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/43\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":44,"href":"https:\/\/lit.erizoman.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/43\/revisions\/44"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/lit.erizoman.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=43"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/lit.erizoman.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=43"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/lit.erizoman.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=43"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}