{"id":39,"date":"2020-04-15T11:10:07","date_gmt":"2020-04-15T09:10:07","guid":{"rendered":"https:\/\/lit.erizoman.ch\/?p=39"},"modified":"2020-04-15T11:11:02","modified_gmt":"2020-04-15T09:11:02","slug":"teil-3-in-den-faengen-der-psychiater","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/lit.erizoman.ch\/?p=39","title":{"rendered":"teil 3: in den f\u00e4ngen der psychiater"},"content":{"rendered":"<p>das milit\u00e4r, prim\u00e4r ein verwaltungsapparat des staates, ebensogross wie der ganze rest der bundesverwaltung zusammen, neuerdings als eidgen\u00f6ssisches departement f\u00fcr verteidigung, bev\u00f6lkerungsschutz und sport vbs bezeichnet, lastet mit seinen einheiten, gattungen, divisionen, kommissariaten und kommandos, sowie kasernen und waffenstarrenden arsenalen, kanonen und panzern wie eine geologische gesteinsschicht der alpen schwer auf der kleinen schweiz.<\/p>\n<p>an diese formationen starrer abl\u00e4ufe prallen die zumeist jungen helden und antihelden dieser essay-reihe auf ihrem weg, nachdem sie schon mehr oder weniger erfolgreich den gefahren des elternhauses, der schule und lehre getrotzt haben. ein weiteres mal gilt es nun die eigene haut zu retten und dabei m\u00f6glichst nicht vom regen in die traufe zu geraten. beschreiten wir also, zusammen mit unseren antihelden, den sogenannten blauen weg um der einverleibung in die gr\u00fcngrauen formationen zu entkommen.<\/p>\n<p>einmal zur milit\u00e4rischen aushebung aufgeboten sind wir ja f\u00fcr das milit\u00e4r wie geboren und grunds\u00e4tzlich und prim\u00e4r immer im milit\u00e4r. sogar wenn wir definitiv ins ausland fl\u00fcchten wollen, uns abmelden aus der schweiz, das ganze, in der rekrutenschule gefasste, uniform- und kriegsmaterial ins zeughaus zur\u00fcckbringen, samt dem sogenannten grabstein, w\u00fcnscht man uns dort bloss einen sch\u00f6nen urlaub und dr\u00fcckt uns das entsprechend quittierte dienstb\u00fcchlein in die hand. selbstverst\u00e4ndlich n\u00fctzt es auch nichts, das dienstb\u00fcchlein aus dem ausland zerrissen und zusammen mit einem erkl\u00e4renden schm\u00e4hbrief nach bern zu retournieren, ebensowenig wie es einzubetonieren, anzuz\u00fcnden oder in den fluss zu werfen. sp\u00e4testens beim n\u00e4chsten, unweigerlich erfolgenden kontakt mit der armeebeh\u00f6rde, wird es h\u00f6flich aber bestimmt ersetzt.<br \/>\ndiesem quasi urzustand im mutterschoss des milit\u00e4rs k\u00f6nnen die allermeisten nur entfliehen indem sie sich &#8211; unehrenhaft! &#8211; ausmustern lassen. milit\u00e4rdienstpflichtige, die den zivilen ersatzdienst leisten d\u00fcrfen, sind ja irgendwie noch im milit\u00e4r, wenn wir einmal ehrlich sind.<br \/>\nda das milit\u00e4r einen grossen apparat exekutiver gewalt unterh\u00e4lt und zur verf\u00fcgung hat, gen\u00fcgt es leider nicht, den ausmusterungswilligen den witz zu erz\u00e4hlen, den die psychiater ihren an mutterkomplexen leidenden patienten zu erz\u00e4hlen pflegen. soviel ich mich erinnern kann geht er ungef\u00e4hr so: ein irrer wird in eine klinik eingewiesen weil er glaubt, er sei eine maus und seine mutter eine katze. nach wochen intensiver psychotherapie gelingt es dem psychiater, dem irren klar zu machen, dass er doch keine maus sei. als geheilt wird der patient entlassen, kehrt jedoch schon nach kurzer zeit wieder in die anstalt zur\u00fcck. verwundert fragt der arzt, was den los sei. der patient antwortet: ich weiss schon, dass ich keine maus mehr bin, aber die katze weiss es noch nicht!<\/p>\n<p>geleitet vom gesunden eigeninteresse und um einem gerichtsverfahren, gef\u00e4ngnis und anderen unannehmlichkeiten vorzubeugen, lassen wir uns also vom milit\u00e4r aufgrund eines \u00e4rztlich-psychiatrischen gutachtens untauglich erkl\u00e4ren. vielleicht lassen wir uns ausmustern, weil wir ganz einfach keine zeit f\u00fcr den quatsch haben und schauen m\u00fcssen, wie wir zu unseren br\u00f6tchen kommen. oder die vorstellung von gr\u00fcngrauen gesteinsschichten zermahlen zu werden, schl\u00e4gt uns tats\u00e4chlich wie ein alptraum aufs gem\u00fct. ausserdem haben wir in der heutigen superneokapitalistischen welt auch noch ein paar andere sorgen. kurzum wir suchen im elektronischen telefonbuch oder anderweitig nach einem psychiater oder einer psychiaterin und vereinbaren m\u00f6glichst rechtzeitig einen termin.<\/p>\n<p>[ueber3|modern minimal moral (mmm)]<br \/>\n[kursiv|die blau\u00e4ugigen]<br \/>\nherr psychiater, wir m\u00f6chten gerne erwachsen werden, uns vom gr\u00fcnen rockzipfel mater militaria helvetias befreien und aus dem kreis der patriotisch formatierten disuassionsfamilie in den bereich der m\u00fcndigen b\u00fcrger und der gesellschaft eintreten. wir suchen den pressionen der naturw\u00fcchsig aufgefalteten, schrammenden massivschichten zu entkommen und in das reich der kultur zu gelangen. k\u00f6nnen sie uns freischreiben?<\/p>\n<p>[kursiv|der analytiker x]<br \/>\nhm nun ja, selbstverst\u00e4ndlich werde ich ihnen helfen. freischreiben kann ich sie zwar nicht gerade, aber krank sprechen. allerdings m\u00fcssten sie mir dazu geeignetes psychisches material liefern: negative, belastende gef\u00fchle, verstimmungen, alptr\u00e4ume, \u00e4ngste, ach ja und nat\u00fcrlich konflikte, verinnerlichte seelische konflikte, nicht die ethischen oder gar sozialpolitischen, die interessieren hier nicht! schauen sie in sich! ausserdem w\u00e4re es nat\u00fcrlich weitaus besser, wenn sie schon eine gewisse erfahrung mit dem milit\u00e4r gemacht h\u00e4tten, dann k\u00f6nnte ihr gutachten mit den negativen erinnerungen, also erh\u00e4rtetem empirischen tatsachen sozusagen, untermauert werden. vielleicht sollten wir auch ihre eltern &#8211; vater oder mutter, das ist egal &#8211; fragen, was sie dazu meinen, in anlehnung an die milieu- und familientherapie?<\/p>\n<p>[kursiv|die blau\u00e4ugigen]<br \/>\nmaterial, material, haben wir den material zum liefern? das t\u00f6nt ja eher nach einem kleinen industriebetrieb. ausserdem f\u00fchlen wir uns gar nicht mal so krank. das milit\u00e4r ist doch krank! obwohl, schon die pure vorstellung ans exerzieren l\u00e4sst uns \u00fcbel werden. der gedanke an rot errigierte, schreiende milit\u00e4rk\u00f6pfe l\u00e4sst uns schaudern. homophobie vielleicht?<\/p>\n<p>[kursiv|der analytiker x]<br \/>\ndas material sollte kein problem sein: alle haben doch ihre konflikte und sind ab und zu depressiv verstimmt. anlass dazu gibt es ja genug. sie selbst bestehen aus dem material, eigentlich sind sie nichts&#8230; als dieses material, &#8230;im besten fall das resultat des zusammenwirkens des materials. das ich ist ja sowieso bloss eine illusion, ob wir es wollen oder nicht, die psychologische wissenschaft hat dies l\u00e4ngst bewiesen, auch wenn wir im alltagsleben best\u00e4ndig versuchen dies zu vergessen. &#8230;verzeihen sie, ich bin ins assoziieren gekommen. &#8211; das w\u00e4re also gekl\u00e4rt.<br \/>\nda sie sich nicht dem rational organisierten milit\u00e4rbetrieb eingliedern k\u00f6nnen, sind sie &#8211; immer gesellschaftlich gesehen nat\u00fcrlich &#8211; krank. pers\u00f6nlich gebe ich ihnen recht, obwohl&#8230; \u00e4h nichts. indem ich sie jetzt, leider leider, krank schreiben muss, f\u00fcge ich sie gleichzeitig wieder in einen rationalen, gesellschaftlich anerkannten diskurs ein: statt eines frei flottierenden, spontanen und unberechenbaren subjektiven lebewesens, sind sie wieder klar verort- und objektivierbar, von der gesellschaft deutlich zu fassen: psychisch krank. so erhalten sie wieder einen minimalen status als mensch, ein jemand also, der sich nolens volens hochrationalen abl\u00e4ufen unterzieht. die gegenw\u00e4rtige gesellschaftliche arbeitsorganisation und -moral darf keinesfalls gef\u00e4hrdet werden. schliesslich wollen wir ja alle unsere profite machen, nicht wahr (x zwinkert mit dem auge)?<br \/>\ndas mit der homophobie lassen wir mal lieber weg. wir wollen ja nicht die herren der untersuchungskommission verstimmen, indem wir ihnen indirekt unterstellen sie litten an verdr\u00e4ngten und versteinerten homosexuellen trieben. nein, was wir brauchen darf absolut indivduell nur auf sie zutreffen, muss aber dennoch m\u00f6glichst schlimm und krank t\u00f6nen. zum beispiel \u201eist manisch-depressiv\u201c eignet sich gut, oder \u201eleidet an psychotischen wahnvorstellungen\u201c. gut, fast alle sind h\u00e4ufig depressiv und funktionieren wie wahnsinnige. nicht umsonst macht die chemieindustrie diese formidablen gewinne (x augen leuchten kurz auf, dann wieder mit besorgter miene). aber gerade deswegen leuchten diese beiden diagnosen der untersuchungskommission so gut ein.<\/p>\n<p>[kursiv|die blau\u00e4ugigen]<br \/>\neiner<br \/>\noh je, ich glaube mir wird schlecht.<br \/>\nein anderer<br \/>\nund ich f\u00fchle mich pl\u00f6tzlich so niedergeschlagen.<br \/>\nwieder ein anderer<br \/>\nich halt das nicht mehr aus, ich werd&#8216; noch wahnsinnig<br \/>\nnoch ein anderer<br \/>\nbin ich \u00fcberhaupt noch was wert? vielleicht bin ich wirklich nur ein haufen fett und wasser und ein paar genetisch fixierte triebe?<\/p>\n<p>[kursiv|der analytiker x]<br \/>\nah gut, gut. da haben wir ja schon das erste material. ich notiere. was das gutachten betrifft, da machen sie sich mal keine sorgen. ausser den leserinnen und lesern wird niemand etwas von diesem schandfleck in ihrer biografie erfahren. jedenfalls ist kein fall bekannt, wo ein psychiatrisches ausmusterungs-gutachten weitergegeben oder ver\u00f6ffentlicht wurde, sie wissen ja der datenschutz.<\/p>\n<p>[kursiv|die blau\u00e4ugigen]<br \/>\nnoch apropos arbeitsorganisation: was sind wir ihnen denn f\u00fcr das ganze schuldig?<\/p>\n<p>[kursiv|der analytiker x]<br \/>\noh billig, billig. zugegeben, es handelt sich um einen deal zwischen dem milit\u00e4r und der psychiatrie. das milit\u00e4r erh\u00e4lt ein billiges ventil, um den \u00fcbersch\u00fcssigen milit\u00e4rischen nachwuchs elegant loszuwerden und trotzdem nach aussen hin die sogenannte wehrgerechtigkeit wahren zu k\u00f6nnen. denn eigentlich w\u00e4re ja jeder schweizer wehrpflichtig. die psychiater und psychiaterinnen erhalten die gelegenheit, vorwiegend jungen menschen helfen zu k\u00f6nnen und sich allgemein n\u00fctzlich zu machen. ausserdem kann wieder einmal klar die grenze zur niederen und ausufernden psychologengilde abgesteckt werden. sowohl wir in der psychiatrie, wie die leute beim milit\u00e4r m\u00fcssen ja auch von etwas leben. keinesfalls missbrauchen wir das erstellen von gutachten um gross profit zu machen mit diesem deal. ausserdem haben sie ja auch etwas davon. es macht also bloss ein paar lumpige hunderter pro seele. joe<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>das milit\u00e4r, prim\u00e4r ein verwaltungsapparat des staates, ebensogross wie der ganze rest der bundesverwaltung zusammen, neuerdings als eidgen\u00f6ssisches departement f\u00fcr verteidigung, bev\u00f6lkerungsschutz und sport vbs bezeichnet, lastet mit seinen einheiten, gattungen, divisionen, kommissariaten und kommandos, sowie kasernen und waffenstarrenden arsenalen, kanonen und panzern wie eine geologische gesteinsschicht der alpen schwer auf der kleinen schweiz. an [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[2],"tags":[],"class_list":["post-39","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-in-fremden-diensten"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/lit.erizoman.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/39","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/lit.erizoman.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/lit.erizoman.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/lit.erizoman.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/lit.erizoman.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=39"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/lit.erizoman.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/39\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":40,"href":"https:\/\/lit.erizoman.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/39\/revisions\/40"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/lit.erizoman.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=39"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/lit.erizoman.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=39"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/lit.erizoman.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=39"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}